das verlorene Paradies - Kapitel aus dem Bestseller Björnout

das verlorene Paradies – Kapitel aus Björnout – dem Bestseller unter den Burnout Büchern

das verlorene Paradies – Kapitel aus Björnout

Ein Kapitel aus dem 2024 erschienenen Roman “Björn Out” von Björn Nonhoff. Beim vorbereiten der vierten Auflage, die limitiert beim Autor erhältlich ist und nach den Belehrungen von Tsoknyi Rinpoche ist es mir ein Herzenswunsch das Kapitel leicht zu ändern. Hier die aktualisierte Fassung.
Mai 2024, Björn Nonhoff

Das verlorene Paradies

Mit dem nächsten Wimpernschlag erwachte Teddy in einer Schreibstube. Ein älterer Mann stand an einem Stehtisch und schrieb. Er schrieb Seite um Seite auf Papier. Er hatte einen dicken Pullover an.

„Wieso schreibst du?“, fragte Teddy.

Der Mann blickte auf und antwortete lächelnd: „Ich schreibe Geschichten.“

„Was für Geschichten?“

„Die, die ich fast vergessen habe. Die Geschichten vom verlorenen Paradies.“

„Wo hast du sie wieder gefunden?“

„Ich weiß es nicht. Sie finden mich. Seit dieser Zeit, als ich mich verloren hatte und auf die Suche machte. Und jetzt sind sie da.“

„Wie genau finden dich jetzt die Geschichten?“, fragte Teddy, jetzt ganz neugierig. Er überlegte schon, welche Geschichten und welche Paradiese er verloren hatte.

„Wort um Wort. Atemzug um Atemzug. Ich lausche dem Herzen und lasse die Worte durch meine Hand und den Stift aufs Papier fließen. Im Moment schreibe ich eine ältere Geschichte.“

„Wovon handelt sie?“

„Von einem Teddybären, der traurig geworden ist, weil er verlassen wurde. Weil er mit seinem Leben überfordert war und seine Träume und sich selbst aufgegeben hatte. Er wusste nicht mehr, was er wirklich wollte. Er war entmutigt und hat seine Natur und seine Freundlichkeit vergessen.“

„Der ist ja wie in meiner Geschichte.“

„Ja. Es ist deine Geschichte. Es ist sogar unsere Geschichte. Wir kennen uns schon lange und sind uns in vielen Punkten ähnlich.“

„Wie das?“

Der Mann lächelte. „Jeder hat seine eigene Geschichte. Doch in dem Ort, an dem die Geschichten entstehen sind wir miteinander verwoben. Manchmal erkennen wir das. Dann ist es klar und deutlich. Doch meist merken wir das nicht. Wir denken, wir haben eine Geschichte von vielen. Doch der Raum, in dem diese Geschichten entstehen, verbindet alles miteinander. Es ist ein unendlicher, weiter Raum, jenseits von Ort und Zeit. Wie die Sterne, kommen wir aus einer Sonne, aus einem Licht. Wir sind alle miteinander verwandt und doch verschieden und einzigartig. Wir drücken uns alle auf unsere ganz eigene Art aus, erleben unsere Welt auf unsere einzigartige Weise.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Das gehört dazu. Wichtig ist es,  zu erleben, zu fühlen. Vieles von dem, was ist, liegt jenseits der Worte. Worte können uns dort hinführen, uns  Türen zeigen. Doch den Weg und die Räume dürfen wir selbst betreten und erfahren.

Mal schreiben sich die Geschichten mit Wasser, ein anderes Mal mit Tinte. Mal sind es die Wolken und Wellen auf dem Wasser. Mal werden die Geschichten gelesen, mal werden sie ignoriert und nicht wahrgenommen. Es ist alles wie ein Tanz. Unsere Welt ist ein Tanz voller Schwingungen, wie Farbe und Musik.  Selbst wenn dich scheinbar niemand sieht oder dir niemand zuhört, du bist ein Teil dieses Tanzes. Du kannst sehen, du kannst hören und du kannst fühlen.

Nimm die Geschichten nicht zu ernst. Lass sie nicht zu fest werden. Lass sie verklingen, wie die Wellen im Meer. Im jetzigen Moment gibt es unendlich viele Geschichten. Nimm sie wahr, aber pass auf, dass du nicht ein Teil von ihnen wirst.

Dann wird alles zu fest und du erlebst nicht mehr deine innere Freiheit. Mir erging es auch einmal so. Fast wie in einem anderen Leben zu einer anderen Zeit. Und es ging vielen Menschen so. In dieser Zeit erzählte ich auch Geschichten. Nur war es nicht die Wahrheit. Viele dachten, es wäre die Wahrheit. Doch wir ließen uns täuschen und täuschten uns. Wir merkten es nicht. Dennoch hielten wir an diesen Geschichten fest und haben aufgehört auf unsere Herzen zu hören. Wir ließen uns blenden von Lügen und der Angst.“

„Das möchte ich genauer wissen.“

„Es war die Zeit, in der es in vielen Teilen der Welt vieles im Überfluss gab. Nur wir selbst haben unsere Herzen verschlossen und waren innerlich leer. Wir suchten diese Leere im Außen zu füllen. Doch das funktionierte nicht. Wir vergaßen uns zu entspannen und unseren inneren Kern, unsere Freundlichkeit strahlen zu lassen. Es war die Zeit der Priester und Prediger. Viele erhielten komplexe Ausbildungen im Schreiben und Predigen. Sie benutzten die Wörter um an Macht und Reichtum zu gelangen. Sie missbrauchten ihr Wissen und ihre Macht und übten sich letztendlich darin, Geschichten zu weben und zu erzählen, die fesselten.

Ich selbst konnte sehr gut erzählen. Erst am Ende meines Lebens erkannte ich, dass die Geschichten, die ich erzählte, dazu dienten, die Menschen zu blenden. und ihnen etwas zu verkaufen. Sie nutzten ihre Angst aus oder machten falsche Hoffnungen.

Es wurden Versprechungen in den Himmel gemalt und die Angst vor der Hölle und dem Bösen geschürt. Einzig mit dem Ziel, die Menschen zu Sklaven zu machen, ihnen ihre Zeit und ihre Freude zu rauben. Es ging so weit, dass sie glaubten, es wäre etwas Herrliches, in den Krieg zu ziehen. Dabei ist es das Dämlichste unter den vielen Illusionen.

Wir Priester wurden in diesen geschickten Methoden unterrichtet, und wir bekamen die Geschichten geschrieben, die wir erzählen sollten. Und ich tat es. Bis ich erkannte, dass ich damit mich, meine Werte und genau das und diejenigen verraten hatte, die ich schützen und lieben wollte.“

„Und wieso schreibst du jetzt von einem Teddybären?“

„Für uns. Du und ich sind wie dieser Teddybär. Und mit dieser Geschichte lernen wir zu unterscheiden. Zwischen Geschichten, die dich befreien, und solche die dich fesseln.“

Teddy blickte den Erzähler mit großen Augen an. „Diese Geschichten erinnern uns daran, glücklich zu sein. Mit oder ohne Grund. Und wenn das nicht geht, sanft mit uns zu sein und zu üben mit dem zu sein, was ist. Denn was da ist, ist da. Und was nicht da ist, ist nicht da. So ist es.“

Teddy und der Mann schwiegen eine Weile. Teddy spürte sein Herz. Er lächelte. Und er fühlte sich verbunden mit dem Mann, mit seinen Worten.

„Du bist viel mehr, als ein Teddybär. Es kommt in deinem Leben der Zeitpunkt, an dem du dir selbst einen Namen gibst. Du bist auch mehr als dieser Name. Mehr als deine Gedanken. Du bist. Du bist und fängst an, deine Geschichte selbst zu schreiben, zu gestalten und zu wirken. Und auch alle diese Geschichten wieder loszulassen. Vor allem die, die dich am frei und freundlich sein hindern.

Damit kannst du den Geschichten entwachsen, vor allem denen, die aus einem großen Schmerz entstanden sind. Du kannst sie hinter dir lassen. Du kannst neue Geschichten in dir wachsen und blühen lassen, die dir Kraft geben und deine Freundlichkeit stärken. Oder du bemerkst, wie dich die passenden Geschichten deines Herzens finden und sich in dein Leben fügen.“

Teddy hörte aufmerksam zu. In ihm kam ein Name auf – Pelle.

„Sieh dich um bei uns Menschen. Wir werden erzogen, um zu arbeiten und zu leisten – nicht um zu lieben. Das wird uns fast sogar aberzogen. Doch Freude und der freie Wille sind unser Kern und wir haben die Kraft und alle Fähigkeiten, Ängste zu transformieren. Wir haben das Recht freundlich zu sein. Es ist eines unserer Grundrechte. Und wer würde ohne Angst noch irgendeinen Krieg führen?

Umarmungen haben die Kraft zu heilen. Berührungen erinnern an unsere Unschuld. Teddybären sind ein Symbol dieser Unschuld. Ihr berührt und erfreut uns. Und ihr riecht nach wilder, freier Natur.“

Teddy roch an sich. Wild? Frei? Natur? Er wunderte sich und hörte weiter zu.

„Freie Menschen haben Freude am Leben. Am Spielen, am Wild sein, am Singen, am Feiern, am Lieben und vor allem am Frieden. Am Miteinander in Frieden sein. Und sie wissen um die Schmerzen, die ein Leben mit sich bringt. Doch sie fürchten sich nicht. Sie tanzen mit ihrer inneren Würde und Freiheit in dieser Welt voller Leid und Schmerz.

Pflege deinen freien Geist und dein freundliches Herz. Lass beide nicht  fest werden  oder Teil von einem System, das  krank macht, in dem wir uns verlieren und nach immer mehr sehnen und streben, ohne freundlich und erfüllt zu sein. Wisse, du bist in jedem Moment ein Teil des Lebens und der Liebe.“

„Wie stelle ich das an?“, fragte Pelle.

„Folge der Wahrheit und meide die Wege der Lügen. Lügen machen krank. Sie schwächen. Sie machen Angst und nehmen die Freude.“

„Und die Wahrheit?“

„Die Wahrheit bringt und ist Frieden, Stille, manchmal auch Tränen und unangenehme Gefühle und Schmerzen. Die Wahrheit kräftigt und ermächtigt dich. Sie stellt dir die Haare auf der Haut auf oder in deinem Fall das Fell. Die Wahrheit macht uns schön. Sie bringt uns dazu, aufzuwachen und wach zu sein. Sie bringt uns aus uns selbst wieder zum Strahlen.

Alles ist ein Traum, deine Geschichten, dein Leben, deine Tänze in dieser Welt. Manche sind freier, andere gefangen in deinen Prägungen und Vorstellungen. Alles ist in Bewegung. Lerne dich zu bewegen und in diesem Tanz zwischen der Freiheit und der Welt dort draußen zu sein. Nimm dir deine Zeit und dein Recht glücklich zu sein.  Atemzuge um Atemzug, sinke in deine Freundlichkeit und lass dich von der Weisheit in der Tiefe berühren.“

„Kannst du denn nicht die Geschichte so schreiben, dass es wieder etwas leichter wird? Mehr Freude und Wärme, so ein Gefühl von Zuhause-Sein?“

„Das mache ich gerade.“ lächelte der Mann ihn an, „Lass deine Gedanken frei und fühle. Nimm dich mit allen Sinnen wahr. Sei einfach und dann kommt die Zeit, selbst deine Geschichte zu schreiben, Pelle. Vor allem, darfst du sie leben, mit all deinen Momenten, Atemzügen, Schritten und Träumen. Mit all dem was ist und nicht ist.

Wenn jemand anders dir diese Geschichte schreibt, sind es Einladungen und Türen, die sich öffnen. Türen in neue Welten, die du betreten kannst. Doch sie werden erst dann deine Geschichte, wenn du sie in deinem und aus deinem Herzen heraus lebst.

Dafür darfst du auch alles, was dein Herz verschließt, wieder sanft öffnen. Ängste verlieren, verzeihen und versöhnen. Das geschieht in Maßen und braucht seine Zeit. Es geschieht langsam. Langsam formen sich die Bahnen deines neuen Seins in Freude. Überfordere dich nicht, sondern bleib bei dir und dem, was ist. Das ist Liebe.

Dazu darfst du mutig sein, wie ein Panther. Kleine Schritte wagen, wie ein Affe. Die Streitigkeiten lieben, wie die Zebras. Und wenn es nicht gelingt, ist es auch ok. Verzeih dir und bleibe mit dem, was ist. Spiele mit anderen Bären und Wesen. Die Freude teilen und die Zeit erleben und genießen, die uns geschenkt ist.“

Pelle verstummte. Woher wusste der Mann seinen Namen? Er hörte das Rauschen eines Baches und vergaß seine Verwunderung. Er blickte in seine Erinnerungen und einiges schien ihm, wie ein zerbrochenes Glas.  Scherben lagen verstreut herum. Das Glas war mit Brüchen durchzogen und enthielt etwas Flüssigkeit. Doch er ahnte die Form, die das Glas einmal hatte. Klopfte er an das Glas, war der Klang dumpf, eher wie ein Knacksen. Berührte er es an den Bruchstellen, schnitt er sich an den scharfen Kanten. „Au. Ich will das nicht mehr. Ich will mich nicht mehr verletzen. Ich will wieder klingen. Klingen, singen und die Stille in mir tragen, die wie eine Sonne strahlt.“

Der Mann lächelte ihn an. Er liebte die Gedanken von Pelle. Er liebte Pelle. Er atmete aus und lächelte:

„Dann sing einfach, egal wie es klingt. Singe deine Lieder bis zum Ende. Einige brechen mittendrin ab. Andere wollen weiter gesungen werden. Ein Klang nach dem anderen.“

Teddy sprach seinen Namen laut aus. Pelle. Und er konnte das Glas sehen. Scherben fügten sich und Licht leuchtete aus den Rissen und dem Glas. Es gewann eine neue, einzigartige Schönheit. Das Licht und der Klang erfüllten ihn mit Freude, einer besonders warmen und vollen Freude.

Pelle.

Es roch nach frischen Blättern und Blüten. Pelle rümpfte die Nase. Er atmete tief ein und was es auch war, der Geruch war ein Segen, der ihn in begleitete und bei ihm blieb. Wie ein sanftes Lächeln.

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